{"id":22526,"date":"2023-11-22T00:52:52","date_gmt":"2023-11-21T22:52:52","guid":{"rendered":"https:\/\/historisches-kirchhellen.de\/?page_id=22526"},"modified":"2023-11-22T00:52:54","modified_gmt":"2023-11-21T22:52:54","slug":"der-grote-jann-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/historisches-kirchhellen.de\/?page_id=22526","title":{"rendered":"Der Grote Jann"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Eine vestische Sage; bearbeitet v. Heinz Mayer, Mengede<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Im Orte Kirchhellen stand in jener Zeit ein Haus, darin ein einsamer Mann wohnte. Um das Haus und seinen Bewohner gingen schon zu seinen Lebzeiten seltsame Ger\u00fcchte. Wenn abends die Knechte und M\u00e4gde beim flackernden Schein des Kaminfeuers sa\u00dfen, kam wohl die Rede auf den groten Jann und sein geheimnisvolles Wesen. Dann r\u00fcckten die M\u00e4gde in unerkl\u00e4rlicher Angst eng zusammen, und ein eisiger Schauer lief ihnen \u00fcber den R\u00fccken bis in die Fu\u00dfspitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Man hatte schon lange \u00fcber seinen unst\u00e4ten Lebenswandel gemunkelt, und von den Leuten wurde er ob seines Aussehens gemieden bis pl\u00f6tzlich seine Frau und sein achtj\u00e4hriges T\u00f6chterlein auf unerkl\u00e4rliche Weise starben. Damals erz\u00e4hlte der kleine Sohn des Sauhirten, der des \u00f6fteren vom Vater zum Jann geschickt wurde, allerlei dunkle Geschichten, die er in dem einsamen Haus am F\u00f6hrried mit eigenen Augen gesehen haben wollte. Der grote Jann sei das Gespenst des Geizes und der Habgier selber, und mit rot ger\u00e4nderten Augen habe er oft seine Frau, von Hunger gepeinigt, auf den Knien vor ihm liegen sehen, und geweint habe sie, dass es einen Stein erweichen m\u00f6ge. Mitleidige Nachbarn pflegten dann oft dem armen Weibe und ihrem kranken Wurm milde Gaben vor die T\u00fcr zu legen und ein Vaterunser f\u00fcr sie zu beten. In dem Hause selbst sei eine w\u00fcste Unordnung gewesen, zwei gro\u00dfe Katzen seien umhergesprungen und haben M\u00e4use vertilgt, die in Scharen in den Schr\u00e4nken und Schubladen gehaust, und auf einer armseligen Matratze h\u00e4tten die Frau des Jann und sein Kind in Lumpen gelegen, w\u00e4hrend er selber oben in einer Kammer rumort und geflucht, bis man eines Tages die beiden verscharrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Zur selben Stunde sei der grote Jann ins Torfmoor gegangen und erst in der tiefen Nacht zur\u00fcckgekommen. Seit jener Zeit bekamen ihn die Leute nur \u00e4u\u00dferst selten zu Gesicht, das Haus habe er stets sorgf\u00e4ltig verriegelt, und was er darin trieb, wusste man nicht. Nat\u00fcrlich bem\u00e4chtigte sich die Sage seiner, und bald waren die abenteuerlichsten Spukgeschichten im Umlauf. Wanderer, die zuf\u00e4llig des Nachts am F\u00f6hrried vor\u00fcberkamen, sahen hinter den Fenstern ein blasses Licht brennen und h\u00f6rten auch wohl ein Klirren wie von Ketten aus dem Hause. Dann ging man jedoch eilig weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Der grote Jann war von robuster Gestalt, hatte einen breiten R\u00fccken, wie ein H\u00f6cker, trug schwere Stulpstiefel und ein gr\u00fcnes Wams mit Silberkn\u00f6pfen und hatte Augen von einer wasserhellen Farbe. Das eigent\u00fcmliche an ihm war sein Blick: zerfahren schweifte er in die Ferne, als m\u00fcsste er dort etwas suchen. Jann lebte von seinem Acker und fl\u00f6\u00dfte oft glatte Kiefernst\u00e4mme die Lippe hinunter, die er zu den reichen Holzh\u00e4ndlern an der Grenze brachte, wobei er oft tagelang ausblieb. Mit zunehmendem Alter wurde seine uners\u00e4ttliche Habgier grenzenlos. Sein Blick wurde irre, wenn er blanke Taler z\u00e4hlte. Schon lange hatte er seine gierigen Augen auf den sch\u00f6nen Weidbruch geworfen, der zum Gel\u00e4nde seines Nachbarn geh\u00f6rte. Tag und Nacht sann er, und der stete Gedanke machte ihn fast wahnsinnig, bis er einmal in einer windstillen Nacht an jener Stelle aufgetaucht war und mit langen Schritten die Grenze abgemessen hatte. In der n\u00e4chsten Nacht ergriff er Spaten und Hacke, um seine schwarze Tat auszuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Das fahle Mondlicht lag auf den Wegen, im sumpfigen Moor gurgelte es, und die Fichten warfen gespenstige Schatten. Nur eine Rohrdommel schlug traurig \u2014 sonst war es totenstill. Nahe am Hofe des Bauern fuhr pl\u00f6tzlich w\u00fctendes Gekl\u00e4ff auf ihn los, zwei gl\u00fchende Augen und \u2014 Krach schlug er mit der Spitzhacke zu. Dann war es wieder ruhig. Im Hause habe man nichts geh\u00f6rt, und bald war er an dem Grenzstein. Schnell die Hacke, den Spaten, und bald konnte er den Stein herausheben; der Schwei\u00df troff. Mit uns\u00e4glicher M\u00fche schleppte er ihn um 100 Meter zur\u00fcck, und flugs ein Loch gegraben und den Stein wieder hinein. Wie zitterten seine H\u00e4nde und brannten seine Augen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Am n\u00e4chsten Morgen fanden die Knechte den Hund in seinem Blute und niemand konnte sich etwas erkl\u00e4ren, Von nun an sahen oft die Bauern in ihren Geh\u00f6lzen die besten St\u00e4mme gef\u00e4llt und verschwunden, und da nur ein baumstarker Mann sie geschlagen haben konnte, ahnte man wohl den T\u00e4ter, aber die Furcht vor dem unheimlichen Mann lie\u00df sie schweigen. So wurde der grote Jann bald zum Schreckgespenst der Gegend; was er haben wollte, holte er sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Dann h\u00f6rte man lange Zeit nichts mehr von ihm, und eines Tages fanden ihn die Holzf\u00e4ller an einer entlegenen Stelle des Waldes mit einer Wunde mitten auf der Stirn im Moose liegen. Er war tot. Als sp\u00e4ter einige beherzte M\u00e4nner sein Haus betraten, fanden sie nichts an Sch\u00e4tzen darin. Seine Truhen standen weit ge\u00f6ffnet und waren leer. Was mit seinem Gelde geschehen ist, hat man nie erfahren. Die Gegenst\u00e4nde befanden sich in einem entsetzlich verwahrlosten Zustande, und auf einem Kehrichthaufen lagen die halb verwesten Leichname der beiden Katzen. Er hatte sie verhungern lassen. So weit ging sein Geiz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Nach seinem Tode aber geschah etwas Entsetzliches. Eines Tages kam der erwachsene Sohn eines Kleinbauern totenbleich ins Dorf gelaufen und sagte, er habe den groten Jann gesehen. Nicht weit von einem kleinen T\u00fcmpel habe er in einer menschenleeren Gegend auf einem Stein gesessen und in einem fort gest\u00f6hnt, dass es ihm kalt den R\u00fccken heruntergelaufen w\u00e4re. Nicht lange nach dieser Begegnung wurde der Junge zum Sterben krank, und bald konnte man ihn zum Friedhof bringen. Der grote Jann aber irrte weiter in der Heide umher. Sobald sich die Schatten der Nacht herniedersenken, muss er der dunklen Gruft entsteigen und als unheimliche Schreckgestalt ohne Rast und Ruh\u2019 die Orte seiner Schandtaten aufsuchen. Dann l\u00e4sst er seine Augen, die so gro\u00df sind wie Wagenr\u00e4der, in die Ferne schweifen, und qualvolles St\u00f6hnen entringt sich seiner Brust. Und so sieht ihn wohl der Wanderer mit einem schweren M\u00fchlstein auf seinem Kopfe durch den Ginster wanken und h\u00f6rt voll Entsetzen seinen Mark und Bein durchdringenden Klageruf &#8222;Juhu! wor sack\u2019n loten, wor sack\u2019n loten? Juhu!&#8220; L\u00e4sst er sich jedoch von Mitleid \u00fcberw\u00e4ltigt, verleiten, ihm nachzugehen, dann ist es um ihn geschehen. Einmal, wie die Sonne ungew\u00f6hnlich hei\u00df auf den Strohd\u00e4chern brannte, ist er sogar bis zum Frohnhof gekommen, wo man ihn unter der Kellertreppe liegend aufgefunden hat. Da hub ein gro\u00dfes Wehklagen an, und in ihrer Not liefen die Leute zu den Patres von Dorsten und baten sie, das Gespenst wegzubannen. Diese hielten ihm das Kreuz vor und bannten den groten Jann wieder in die hohe Heide hinein. Weiter und weiter verfolgten sie ihn, aber in der wilden Gegend kamen pl\u00f6tzlich gro\u00dfe Spinnen, die haben ihnen den Mund zugewoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Der Unselige aber muss allt\u00e4glich wieder seine qualvolle Wanderung antreten. Tag und Nacht versucht er mit uns\u00e4glicher M\u00fche, den Grenzstein wieder an die rechte Stelle zur\u00fcckzubringen, und jedes Jahr soll er seinem Ziele um einen Hahnenschrei n\u00e4her kommen. Wird er in ferner, ferner Zeit sein Werk vollbracht haben, dann schl\u00e4gt auch f\u00fcr ihn die Stunde der Erl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>aus: Gladbecker Bl\u00e4tter 1928<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine vestische Sage; bearbeitet v. Heinz Mayer, Mengede Im Orte Kirchhellen stand in jener Zeit ein Haus, darin ein einsamer Mann wohnte. 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