{"id":22545,"date":"2023-11-22T00:55:43","date_gmt":"2023-11-21T22:55:43","guid":{"rendered":"https:\/\/historisches-kirchhellen.de\/?page_id=22545"},"modified":"2023-11-22T00:55:46","modified_gmt":"2023-11-21T22:55:46","slug":"die-ahnfrau-von-brabeck","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/historisches-kirchhellen.de\/?page_id=22545","title":{"rendered":"Die Ahnfrau von Brabeck"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Hans B\u00fcning<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\"><strong>1. Die \u00fcberm\u00fctigen Ritter<\/strong><br>Es war im Jahre, nun, das Jahr spielt eigentlich keine so gro\u00dfe Rolle, jedenfalls ist es schon lange her, als an einem st\u00fcrmischen Herbstabend mehrere Ritter durchn\u00e4sst und durchfroren an das Tor von Brabeck pochten und Einlass begehrten. Sie hatten des furchtbaren Unwetters wegen ihr Ziel nicht erreichen k\u00f6nnen. Der Burgvogt nahm sie gastfreundlich auf, der Burgherr selbst war gerade f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit abwesend. Nachdem ihre Pferde versorgt waren und sie selbst die regennassen Kleider gegen trockene eingetauscht hatten, sa\u00dfen sie am prasselnden Feuer, streckten ihre vom Reiten und von der K\u00e4lte steif gewordenen Beine gegen den Kamin, Man sprach \u00fcber das Woher und Wohin. Dabei kam einer der Gesellen auf die seltsame Geschichte von der Ahnfrau zu sprechen, er hatte von dieser unseligen Frau geh\u00f6rt und wollte mehr wissen. Die anderen aber lachten ihn aus, glaubten nicht an diese Dinge und spotteten gar der Ahnfrau. Lautes Gel\u00e4chter erscholl aus der Runde, nur der Burgvogt stimmte nicht mit ein, sein Gesicht war um eine Spur bleicher geworden, denn er wusste es besser, und ihm war nicht wohl in seiner Haut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Die M\u00e4gde hatten indessen den Tisch gedeckt, und alle nahmen hungrig in der gro\u00dfen Halle Platz. Verf\u00fchrerische D\u00fcfte drangen aus der K\u00fcche, da \u00f6ffnete sich die T\u00fcr, und herein traten die Knappen mit den dampfenden Sch\u00fcsseln. War es Zufall, dass der erste auf der T\u00fcrschwelle stolperte und der L\u00e4nge nach hinschlug? Klirrend prallte die Sch\u00fcssel auf dem Steinboden auf und zersprang in tausend Scherben. Schinken und Brot kollerten mit lautem Gepolter \u00fcber den Boden, jawohl, mit lautem Gepolter, denn beides war zu Stein geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Kaum hatten sie recht begriffen, was da vor sich ging, hob sich der Deckel von der gro\u00dfen Sch\u00fcssel und fiel scheppernd auf die Eichenplatte des Tisches. Grau im Gesicht starrten alle auf das unheimliche Schauspiel, da begann der gebratene Truthahn mit den Fl\u00fcgeln zu schlagen und flog mit lautem Geschrei durch das geschlossene Fenster in die Nacht hinaus. Totenstille herrschte im Saal, wie erstarrt standen die Knappen, und manch einem, der eben noch laut gel\u00e4stert, trat der kalte Schwei\u00df auf die Stirn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Um sich Mut zu machen, griffen die Ritter zu den Humpen, die wohlgef\u00fcllt auf dem Tische standen. Was ihnen aber da entgegenschlug, war nicht der berauschende Duft eines blumigen Weines, sondern stinkender Brodem. Fluchend und tobend warfen sie die Kr\u00fcge gegen die W\u00e4nde, und das nach F\u00e4ulnis und Verwesung stinkende Gebr\u00e4u rann \u00fcber den Boden, den Raum mit einem erstickenden Geruch erf\u00fcllend. Schreiend suchten die M\u00e4gde und Knappen das Weite, und auch der Burgvogt schlich, gr\u00fcn-gelb im Gesicht, durch eine Seitent\u00fcr davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Totenstill war es pl\u00f6tzlich geworden, und in diese Stille hinein ert\u00f6nte von weit her ein Brausen, das, n\u00e4her kommend, immer st\u00e4rker wurde und pl\u00f6tzlich mit einem fruchtbaren Get\u00f6se durch den Saal fuhr. Die geschlossenen Fensterl\u00e4den sprangen auf, die Kerzen erloschen und die Vorh\u00e4nge wirbelten Geistern gleich durch den Raum. Die tapferen Ritter, die wie zu Stein erstarrt dort sa\u00dfen, nicht f\u00e4hig, auch nur ein Glied zu f\u00fchren, st\u00fcrzten zu Boden, eine unsichtbare Hand hatte unter ihnen die Sessel weggezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Mit einem gewaltigen Donnerschlag \u00f6ffnete sich unter ihnen der Boden, schwefelgelbe Feuer erleuchteten ein Bild des Grauens, und sie sanken mit einem furchtbaren Schrei in eine unergr\u00fcndliche Tiefe. Dann wurde es still \u2014 totenstill. \u2014 Am anderen Morgen fand man die Ritter mit zerschlagenen Knochen in dem modrigen Kellergew\u00f6lbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\"><strong>2. Die Tauffeier<\/strong><br>Im gro\u00dfen Saal der Burg Brabeck ging es hoch her. Die Tafel bog sich unter der Last der Speisen. Gl\u00e4ser wurden geschwungen und Trinkspr\u00fcche ausgebracht. Der Wein floss in Str\u00f6men. Es wurde Kindtauffest gefeiert. Ein Knappe war der gl\u00fcckliche Vater. Stolz lie\u00df er sich immer wieder von den G\u00e4sten begl\u00fcckw\u00fcnschen und feiern. Als das Fest seinen H\u00f6hepunkt erreicht hatte, stand der Knappe in weinseliger Laune auf, hob sein Glas und lud mit lauter Stimme die Ahnfrau zum Kindtaufschmaus. Einige der G\u00e4ste waren ob der kecken Rede bleich geworden, und ein leises Grauen kroch ihnen \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Kaum waren die Worte verklungen, schienen mit donnerndem Get\u00f6se die Mauern der Burg zu zerbrechen. Dann war es still, totenstill. Verklungen waren Musik und Gesang, \u00fcberm\u00fctiger Scherz und Hochrufe, durch die offene T\u00fcr schwebte in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern die Ahnfrau herein, forderte von den zu Tode erschrockenen G\u00e4sten ein Glas Wein und leerte es auf die Gesundheit des S\u00e4uglings. Langsam setzte sie das leere Glas auf den Tisch zur\u00fcck, und in die lastende Stille hinein sprach sie die Worte: &#8222;Knappe, \u00fcber acht Tage lade ich dich ein, mein Gast zu sein, ich selbst werde dich holen.&#8220; Dann schwebte sie wie sie gekommen, wieder zur T\u00fcr hinaus. Zittern an allen Gliedern, nicht f\u00e4hig, auch nur ein Wort zu sagen, standen die Ritter, die Knappen, die Frauen, die Musikanten und die Dienerschaft. Das Fest war zu Ende, ern\u00fcchtert schlichen alle davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Ein Tag um den anderen verging, fast schon hatte man das schreckliche Ereignis vergessen, da erschien p\u00fcnktlich zur angesagten Zeit die Ahnfrau, um ihre Einladung wahrzunehmen. Mit angstschlotternden Knien wollte der Knappe durch die Hintert\u00fcr verschwinden, aber seine Beine versagten ihm den Dienst. Wie angewurzelt stand er und konnte seinen Blick nicht von der wei\u00dfen Gestalt wenden, die gebieterisch mit der Hand winkte. Wankend folgte er, ob er wollte oder nicht, der vor ihm herschwebenden Gestalt. Es ging die Treppen hinab, bis sich vor ihnen knarrend die T\u00fcr zum Grabgew\u00f6lbe \u00f6ffnete. Kaum war er eingetreten, schlug sie krachend hinter ihm ins Schloss, und da stand er allein mitten unter den S\u00e4rgen. Wie gehetzt wandte er sich um und trommelte sich die F\u00e4uste blutig an den dicken Eichenbohlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Nichts regte sich da drau\u00dfen, nur das Echo seiner Angstschreie klang durch die f\u00fcrchterliche Stille. Ersch\u00f6pft und in Schwei\u00df gebadet setzte er sich auf die Treppenstufe, um Atem zu sch\u00f6pfen. Da weiteten sich seine Augen in grausigem Entsetzen, und der Angstschrei erstarb ihm in der Kehle \u00fcber das, was er dort sah. Die Deckel der S\u00e4rge \u00f6ffneten sich, bleiche Knochenh\u00e4nde langten heraus, gelbe Totensch\u00e4del schoben sich nach, und dann standen sie vor ihm, wei\u00dfe, klappernde Gerippe. Langsam setzten sie ein Knochenbein vor das andere, schritten auf ihn zu, hoben die d\u00fcrren Arme, ihn zu greifen. Das war zu viel, ein grausiger Schrei entrang sich seinem Munde, und ohnm\u00e4chtig sank er zu Boden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Als der Morgen graute, erwachte er, ein blasser Lichtstreif fiel durch das kleine Fensterchen, und durch die weitge\u00f6ffnete T\u00fcr. Und dort oben stand wieder die furchtbare Gestalt und winkte ihn zu sich. Angstbebend musste er gehorchen. Als er den Fu\u00df auf die letzte Stufe setzte, verschwand die Erscheinung. Ein kranker und gebrochener Mann wankte durch die R\u00e4ume. Ein schweres Fieber hatte ihn gepackt und warf ihn aufs Krankenlager. Einige Wochen siechte er dahin, dann starb er, das schreckliche Erlebnis war zu viel f\u00fcr ihn gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\"><strong>3. Die Erl\u00f6sung<\/strong><br>Einige Zeit sp\u00e4ter kehrte ein seltsamer Mann auf Haus Brabeck ein. Mit einem einfachen Gewande bekleidet, einen Beutel mit Wegzehrung \u00fcber der Schulter und einem kr\u00e4ftigen Stab in der Hand klopfte er an das Tor. Es war einer der vielen Pilger, die zur damaligen Zeit durch die Lande zogen nach Rom oder gar nach Pal\u00e4stina, Bu\u00dfe zu tun f\u00fcr ihre S\u00fcnden. Freundlich hatte man ihn aufgenommen. Als er den Staub der langen Wanderung abgewaschen hatte, ging er in die Burgkapelle, um Gott zu danken f\u00fcr seine Hilfe und ihn um seinen Schutz f\u00fcr die Weiterreise zu bitten. Er hatte sein Gebet beendet und wollte die Kapelle verlassen, da sah er eine seltsame Erscheinung an der T\u00fcr vor\u00fcberschweben. Er fasste sich ein Herz, und noch ehe diese Erscheinung \u2014 es war die Ahnfrau \u2014 im sogenannten Blauen Zimmer verschwinden konnte, rief er sie an und fragte sie, wie sie erl\u00f6st werden k\u00f6nne. Da f\u00fchrte sie ihn in das Burgverlies, wies auf die dort liegenden Gebeine und sagte, wenn die dort bestattet w\u00e4ren, w\u00fcrde auch sie Ruhe finden in ihrem Grabe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Am anderen Tage sorgte der Pilger f\u00fcr ein Begr\u00e4bnis und lie\u00df eine Messe f\u00fcr die seit vielen Jahrzehnten dort unbestattet gelegenen Toten lesen. Seitdem wurde die Ahnfrau nie wieder gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\"><em>aus: Schriftenreihe Nr. 6 des Vereins f\u00fcr Orts- und Heimatkunde Kirchhellen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hans B\u00fcning 1. 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